Liebe Engagierte und Interessierte an der Aktion Neue Nachbarn in Köln,
es gibt Wochen, in denen Nachrichten nachwirken. Die vorletzte Woche war für uns eine solche Woche. Da war der Vorschlag für den Kölner Doppelhaushalt mit Kürzungen, die das ehrenamtliche Engagement in der Geflüchtetenhilfe direkt treffen werden. Und da war das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt. Zwei unterschiedliche Ereignisse. Und doch haben sie bei uns ähnliche Fragen ausgelöst: Wird unsere Arbeit, vor allem die unserer Partner:innen und der Engagierten, noch gesehen? Was passiert, wenn in Köln ab Januar 2027 die Stellen für Ehrenamtskoordination in der Geflüchtetenhilfe bei den freien Trägern wegfallen und damit zentrale Ansprechpartner:innen für die Ehrenamtlichen fehlen? Werden dadurch auch die gesellschaftlichen Gräben größer?
So unterschiedlich diese beiden Ereignisse auch sind, sie weisen in dieselbe Richtung: Es wird schwieriger, den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft zu stärken. Geld wird knapper, Zukunftsängste wachsen, viele Menschen fühlen sich nicht gehört.
Gerade weil die gesellschaftlichen Debatten härter werden, zeigt sich: Zusammenhalt ist keine Selbstverständlichkeit. Er wird von Menschen gemacht. Er entsteht dort, wo Menschen einander begegnen, etwa am Küchentisch einer Patenschaft, im Sprachcafé, beim gemeinsamen Kochen oder in der Fahrradwerkstatt. Zusammenhalt entsteht in Initiativen und Kirchengemeinden, die ihre Türen öffnen und Menschen ihre Geschichten teilen lassen.
Wer heute in Netzwerke, Begegnungsorte und ehrenamtliches Engagement investiert, stärkt das Zusammenleben der nächsten zehn Jahre. Werden solche Strukturen geschwächt, zeigen sich die Folgen oft erst später: in Einsamkeit, fehlender Teilhabe, Misstrauen und gesellschaftlicher Spaltung. Zusammenhalt ist die Grundlage unserer Gesellschaft. Auch wenn er sich nicht unmittelbar in einer Haushaltszeile abbilden lässt, muss er im Gesamthaushalt deutlich werden.
... und jetzt?
Ehrlich gesagt: Auf diese Frage finden wir zunächst keine schnelle Antwort. Wir sind betroffen, besorgt und an manchen Stellen auch entmutigt. Aber je länger wir darüber nachdenken, desto klarer wird für uns: Aufhören ist keine Option. Denn die Menschen, denen wir begegnen, sind noch da. Die Familien, die Unterstützung brauchen, sind noch da. Die Ehrenamtlichen ebenso. Und auch Kirchengemeinden, Initiativen und Organisationen schaffen weiterhin Räume für Begegnung. Und wir sind nicht allein. In ganz Köln engagieren sich Menschen für Zusammenhalt, Demokratie und Menschlichkeit. Oft leise und ohne große Aufmerksamkeit, aber verlässlich, Tag für Tag.
Vielleicht ist genau das die Antwort auf die Frage „Und jetzt?“: Jetzt erst recht. Und gemeinsam.
Daran werden wir uns als Integrationsbeauftragte der ANN auch weiterhin beteiligen. Das Erzbistum Köln hat bereits vor mehr als zwei Jahren zugesagt, die Aktion mindestens bis 2030 aus Kirchenmitteln zu finanzieren und so das ehrenamtliche Engagement weiterhin zu stärken.
Gleichzeitig haben wir ein Anliegen an die Menschen, die in politischer Verantwortung stehen: Ihre Aufgabe ist gerade besonders schwer. Deshalb zunächst einmal: Danke, dass Sie diese Verantwortung übernehmen. Es ist Aufgabe von Politik, gesellschaftlichen Zusammenhalt zu gestalten. Dort, wo sich gesellschaftliche Gräben vertiefen und Positionen einander unversöhnlich gegenüberstehen, braucht es Menschen in Politik und Zivilgesellschaft, die das Verbindende suchen und den Zusammenhalt stärken. Das ist eine große Herausforderung, aber auch eine demokratische Notwendigkeit. Dazu braucht es Transparenz und eine Kommunikation, die Menschen erreicht und mitnimmt. Ein politischer Dauerwahlkampf aus gegenseitigen Vorwürfen erschwert dies erheblich. Und: Migration ist nicht das zentrale Problem unseres Landes, sondern ein wichtiger Teil der Lösung. Für Köln wünschen wir uns in dieser Haushaltskrise von unserem Oberbürgermeister ein transparentes Krisenmanagement, das Orientierung gibt und die Kölner:innen mitnimmt. Wir wünschen uns politische Entscheidungen, die nicht nur auf die Einsparungen von morgen schauen, sondern auch die gesellschaftlichen Folgen der nächsten zehn bis zwanzig Jahre bewusst mitdenken.
Herzliche Grüße Uli Thomas und Isabel Heinrichs |