Liebe Engagierte und Interessierte an der Aktion Neue Nachbarn in Köln,
am 28. April haben wir uns auf unserem Fachnachmittag mit der Frage beschäftigt, wie Arbeitsmarktintegration in Köln gelingen kann. Rund 120 Personen haben teilgenommen – das Interesse war groß.
Im Laufe des Nachmittags wurde deutlich: Die Integration von Menschen mit Fluchterfahrung in den Arbeitsmarkt besteht aus mehreren Schritten.
- Zunächst geht es um Zugangsvoraussetzungen wie Aufenthaltsstatus, Sprache und die Anerkennung von Abschlüssen.
- Danach folgen die Jobsuche, die Anstellung und der Weg in eine stabile Beschäftigung mit auskömmlicher Bezahlung.
- Ziel ist die gleichberechtigte Teilhabe.
Arbeitsmarktintegration ist also ein längerer Prozess, der nicht mit der ersten Jobvermittlung endet. Auf jedem Schritt gibt es Hürden – und oft scheitert es daran. Darum braucht es auch während des ganzen Prozesses Unterstützung. An diesem Prozess sind unterschiedliche Gruppen beteiligt, die verschiedene Interessen haben.
Zuerst die Menschen mit Fluchterfahrung selbst: Ihre Motivation ist meist sehr hoch. Sie wollen selbstbestimmt leben und ihren Platz in der Gesellschaft finden. Das wurde auf dem Fachnachmittag besonders deutlich durch den Bericht einer jungen Frau aus Syrien. Sie ist gut qualifiziert, kann dies aber nicht mehr nachweisen, weil sie aufgrund ihrer Flucht keine Nachweise mitnehmen konnte. So wird sie trotz Studium auf Mittlere Reife eingestuft, nicht ausreichend für die von ihr gewünschte Ausbildung. Seit Jahren sucht sie nun nach ihrem Weg in den Arbeitsmarkt. Gleichzeitig engagiert sie sich ehrenamtlich als Sprachmittlerin für andere Geflüchtete – mit großem Einsatz.
Ein weiteres Interesse haben Ministerien, Ämter und Verwaltungen. Erst seit 2005 ist Integration eine staatliche Aufgabe. Das ist überraschend spät, wenn man bedenkt, dass bereits 1955 das erste Anwerbeabkommen geschlossen wurde. Auch in der DDR wurden seit den 1960er-Jahren Arbeitskräfte aus dem Ausland angeworben. Damals wollte man Arbeitskräfte – doch es kamen Menschen. Die Arbeit war gewollt, die gesellschaftlichen Veränderungen nicht. Das erwies sich als Trugschluss. Seit dem Zuwanderungsgesetz von 2005 ist das damals neu entstandene Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) zentral zuständig – Schutz (Asyl), Steuerung (Migration), Teilhabe (Integration) und Begrenzung (Rückkehr).
Die Gesetzgebung liegt bei den gewählten Politiker:innen auf europäischer, Bundes- und Landesebene. Sie verfolgen unterschiedliche Interessen und ringen darum, wie Migration und Integration gestaltet werden. Die Kommunen setzen diese Regeln vor Ort um – und haben dabei eigene Spielräume.
Ein ganz praktisches Interesse haben die Arbeitgebenden. Fachkräftegewinnung aus dem Ausland ist wieder ein großes Thema. Nach dem Anwerbestopp 1973 stand lange Zeit die Begrenzung von Zuwanderung im Vordergrund. Seit etwa 2000 hat sich das verändert: Programme wie die „Green Card“ für IT-Fachkräfte (2000-2004), die EU-Blue Card für Hochqualifizierte (seit 2012), oder das Fachkräfteeinwanderungsgesetz (2020) zeigen, wie stark der Bedarf an Arbeitskräften geworden ist. Sie zeigen auch wie groß der Einfluss der Wirtschaft auf politische Entscheidungen ist.
Eine weitere wichtige Rolle spielen die Menschen, die sich für Integration einsetzen – ehrenamtlich oder beruflich. Sie engagieren sich in Initiativen, Vereinen, Migrantenorganisationen und bei freien Trägern. Gemeinsam bilden sie eine wichtige Brücke zwischen Zugewanderten und der Gesellschaft.
Arbeitsmarktintegration ist also ein komplexes Zusammenspiel unterschiedlicher Interessen. Damit sie gelingt, braucht es einen Dialog auf Augenhöhe. Der Fachnachmittag hat gezeigt: Dieser Dialog ist in Köln möglich, auch mit der Landespolitik – und das macht Mut. Wichtig ist, dass er weitergeführt wird.
Eine gute Grundlage für den Dialog bot der wissenschaftliche Blick von Dr. Niklas Harder vom DeZIM-Institut. Die wichtigsten Erkenntnisse daraus haben wir auf unserer Website zusammengestellt, hier der Link.
Am Ende des Vortrages gab Dr. Harder sehr deutliche Empfehlungen, vor allem in Richtung der Politik und unserer gesellschaftlichen Haltung:
- Integrationspolitik ist Investition nicht Förderung – gerade über Integrationskurse.
- Keine Migrationspolitik durch Integrationspolitik – seit den 1990er-Jahren gibt es keinen Beleg, dass gute Integrationsleistungen die Migration wesentlich antreiben.
- Der globale Wettbewerb um Migration nimmt zu – Deutschland muss durch Wohnen, Bildung, Infrastruktur, Bürokratieabbau und Einkommen attraktiver werden, sonst verlieren wir viel.
Herzliche Grüße Uli Thomas und Isabel Heinrichs |